Diesmal: Jay Reartard :(
Die Schweiz hat, wie allseits bekannt, abgestimmt. Allein, dass Waffenexporte und Minarettverbote in einem Aufwaschen verhandelt werden spricht eine deutliche Sprache. Die Europäische Rechte jubelt und sieht sich bestätigt in ihrem Handlen.
Mir stößt das schweizerische Ergebnis hauptsächlich deshalb sauer auf weil ich sehe, dass es ein Zwischenrülpser eines schleichend zunehmenden Konservativismus' in Europa ist. "Schleichend" ist vielleicht nicht ganz der korrekte Begriff. Andererseits beobachte ich die Situation seit Jahren und derartige Tendenzen steigern sich mehr und mehr, in letzter Zeit halt rasant. Hier in Österreich und anderswo. Die rechten Parteien profitieren von den Ängsten der Menschen. Gerade in religiösen Belangen sehr einfach, handelt es sich doch um enorm diffuse Gefühle die einem gesellschaftlich antrainiert werden (und denen man sich aktiv widersetzen muss, von allein wird man hier nicht klüger). Denn seien wir uns ehrlich: eine Referendum wie in der Schweiz würde – in jedem anderen Europäischen Land abgehalten – zum gleichen Ergebnis führen. Auch in Frankreich, wo die größte islamische Gemeinde Europas lebt. Und vermutlich auch in Schweden. Hierzulande wären wahrscheinlich 70 % der Wahlgänger für das Verbot.
Aber es muss gesagt werden, dass es etwas gar heuchlerisch wirkt wenn sich Länder wie Saudi Arabien (die zumindest immer noch Waffen aus CH kriegen, das Exportverbot wurde ja abgelehnt), Ägypten oder Indonesien echauffieren. Glänzen auch sie nicht mit Religionsfreiheit, bzw mit der Einhaltung der Menschenrechte generell.
Wenn die BBC – wie für britische Medien üblich – mit dem Finger auf andere Länder zeigt … tja: Das größte islamische Zentrum Europas, die Abbey Mills Mosque in in Stratford, ist unter anderem aufgrund von Anrainer-Protesten (in einem Gewerbegebiet) nicht gebaut worden b.z.w. wird, wenn überhaupt, dann kleiner verwirklicht.
Die Aufstockung des Islamischen Zentrums in Brigittenauer Dammstraße wird zwar erfolgen, der Aktionsgruppe "Moschee ade" passt dies freilich nicht. Rückhalt seitens der FPÖ ist ihr gewiss.
Islamophobie an allen Ecken und Enden. Ein Schelm wer hier Vergleiche zur Situation der Juden Anfang des letzten Jahrhunderts anstellt. So empfinde offenbar nicht nur ich, darum gibt es diverse an Dachentwässerungsrohren geklebte Pickerln wo steht "Islam ist nicht der Feind". Richtig. Gleichzeitig denke ich mir immer: mein Freund ist er aber auch nicht. Das gleiche gilt für Christen- (an dem immer noch – historisch gesehen – am meisten Blut klebt) und Judentum.
Ich wünschte mir die Menschheit würden zur Besinnung kommen und feststellen dass Religion nicht notwendig ist. Werte sind menschlich und Altruismus ist nicht gekoppelt an einen Gottesglauben, sondern eine Eigenschaft die sozial lebende Primaten in sich tragen. Aber ich weiß auch, dass das unrealistisch ist. Menschen sehnen sich nach etwas Höheren und wollen, dass alles einen Sinn ergibt (den es nach erachten des Verfassers dieser Zeilen nicht gibt, aber bitte). Solange es Menschen gibt wird es wohl Religionen geben und solange es Religionen gibt herrscht Unfrieden. So paradox das im Grunde ist.
Nun bleibt abzuwarten wie es bei den Eidgenossen weitergeht. Das Verbot lässt sich kaum mit der UN Menschenrechtscharta nicht wirklich vereinbaren
(Religionsfreiheit anyone?) und ein ausstieg aus der UNO wäre ein aussenpolitisches Desaster.
Es bleibt spannend …
Neill Blomkamp hat sich viel angeschaut und gelernt. Ist ihm doch mit District 9 einer der
eindrucksvollsten Sci-Fi Filme dieser Dekade gelungen. In ein paar Jahren wird man wohl von einem Klassiker sprechen.
District 9 ist für das Genre vielleicht das, was "Pans Labyrinth" für Fantasy war und "28 Days Later" für den Horrorfilm und vielleicht das, was "Sunshine" leider nicht gewesen war und "Children Of Men" – völlig zu Unrecht – leider nicht wurde.
+++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++ SPOILER +++
Die Handlung ist kurz gefasst diese: Ein kleiner Beamter namens Wikus Van De Merwe kommt durch Vitamin B in die leitende Position beim Umsiedeln der "Prawns" genannten Ausserirdischen durch das private Unternehmen MNU. Diese sollen in ein Internierungslager etliche Kilometer ausserhalb Joburgs gesteckt werden da sich das Klima zwischen Insektoiden und Humanoiden über die Jahre verschlechtert hat und es immer öfter zu Ausschreitungen kommt. Beim Zustellen der zu unterschreibenden Umsiedelungsverträge (Human Rights Watch erledigt ihre Aufgabe auch in District 9 und ist bei der MNU dementsprechend beliebt) findet Van De Merwe in einer von Alien-Vater und -Sohn bewohnten Baracke einen kleinen Zylinder und infiziert sich mit einer Flüssigkeit bei der es sich, wie sich heraustellen wird, um Treibstoff handelt. Bald muss er feststellen, dass sich sein Körper verwandelt und er langsam aber augenscheinlich zum "Prawn" mutiert.
Dies macht ihn für die verschiedensten Parteien sehr interessant:
Für die Rüstungsfirmen dieser Welt, da er in der Lage ist die überlegene Technik der Aliens zu nutzen.
Für die Nigerianer – die dank Katzenfutterdeals zu einem ansehnlichen Arsenal an extraterristischer Waffen gelangt sind – aus genau den selben Gründen, allerdings auf einem völlig anderen Niveau.
Und für die Außerirdischen, da Wikus weiß wo sich eben jenes Behältnis befindet mit dem seine Verwandlung begann. Schließlich ist es der letzte Möglichkeit ins Mutterschiff zu gelangen und die Erdatmosphäre zu verlassen.
Da er körperlich immer mehr verfällt lässt er sich ins Krankenhaus einliefern und wird von dort in ein Labor verfrachtet wo er als genetischer Selbstbedienungsladen der MNU zur Verfügung stehen soll. Er kann fliehen und verschanzt sich in District 9.
Herr Blomkamp macht es einem klugerweise nicht einfach: Der Hauptdarsteller ist weder mit einem all zu großem Geist gesegnet noch sonderlich sympatisch. Die Aliens sind alles andere als eine Augenweide und haben durch das völlige Fehlen sozialer Kompetenz so manche Eigenschaft die es nachvollziehbar macht warum sie in ein Slum gepfercht leben. Das einzige das für sie spricht, ist, dass sie die Erde nicht vor Jahrzehnten überrannt haben. Die Waffentechnologische Niveau würde dies ohne weiteres möglich machen.
Auch in District 9 leben "die Nigerianer". Hier kann man theoretisch eine Diskussion darüber entfachen, dass diese Bevölkerungsgruppe sehr negativ dargestellt wird. Andererseits: die Afrikaaner kommen keine Laus besser davon. Ausserdem ergibt es durchaus Sinn wenn man bedenkt, dass das Raumschiff 1981 über Johannesburg zum stehen kam. Zu jener Zeit war die Apartheid noch im vollen Gang und es fügt sich ins Historische dass sich Outcasts zu einander gesellen und sei's weil ein gemeinsamer Feind (die Südafrikanische Regierung) eint.
Geschickt webt der Regisseur altbekannte Systematiken in die Handlung ein: So erhalten die Aliens menschliche Namen und müssen Verträge unterschreiben die die meisten nicht lesen können. Derartiges kennt man aus sehr sehr düsteren Zeiten/Weltgegenden. Der Alien-Hauptdarsteller namens "Christopher" ist Vater (?) eines kleinen Alien-Kindes und, wie es scheint, Wissenschaftler. Dies ist freilich dramaturgisch nicht ganz dumm, schließlich hat man dadurch so etwas wie eine Identifikationsfigur bei einer Spezies die sehr fremd wirkt. Das könnte man durchaus als gar platt abtun. Denn warum ist ausgerechnet er klüger als die anderen? Gegenfrage: Warum nicht? Es sind schließlich auch nicht alle Menschen Akademiker. Vor allem ist auch "Christopher" nicht uneigennützig unterwegs. Im Gegenteil. Ihm geht es einzig um sein Wohl und dem seiner Art. Die Bürokratie mit der beim Umsiedeln vorgegangen wird und mit der – so hat es den Anschein – seit Jahrzehnten gewaltet wird, gemahnen an Kafka und das Deutschland der 30er-Jahre. So ist es den Aliens verboten Kinder zu haben und Waffen zu besitzen.
Tendenziell diskutabel ist der dem Menschen nicht unähnliche Körperbau. Andererseits ist dieser essenziell für die Handlung. Würden die Aliens völlig anders aussehen, könnte van Merve keine ihrer Geräte bedienen und der Film wär keiner da ein beträchtlicher Teil der Handlung ausfallen würde.
Die Kombination aus verwackelter Handkamera und eingestreuten Interviews sind jetzt vielleicht nicht sensationell neu, keine Frage, katapultieren den Film aber auf
ein für das Genre unübliches Level der glaubwürdigkeit in dem auch Cronenbergscher Bodyhorror nicht deplatziert wirkt. Der semi-dokumentarische Stil lässt auch übersehen, dass sich manche logische Löcher auftun.
ZB.: Warum sind die Ausserirdischen überhaupt gestrandet? Was ist jetzt anders als vor 28 Jahren das es ihnen ermöglicht fortzufliegen? Vermutlich wird sich dies aber in mehreren Sequels und
Prequels und Spin-Offs klären. Hollywood hat da fix schon Lunte gerochen und wer weiß was uns dann erwartet …
Möglichweise jene Happy Ends die uns Blomkamp hier erspart.
| February 2012 | ||||||||||
| M | T | W | T | F | S | S | ||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | ||||||
| 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | ||||
| 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | ||||
| 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | ||||
| 27 | 28 | 29 | ||||||||
|
||||||||||