Prolog
Der Balkan: Raum für Projektionen. Man hört das Wort und sofort poppen die Referenzen auf: Armut, schlechte Straßen, schlechte Zähne, Menschenhandel, Kriminalität
an allen Ecken und Enden, korrupte Politiker, marodierende Kinderbanden, von der Räude zerfressene Hunderudel die zur sauren-Gurken-Zeit britische Touristen und Japanische Geschäftsmänner
zerfleischen oder die bettelarme Bevölkerung mit Tollwut anstecken.
Und erst das Wetter! Brütendheiße Sommer, wo alles staubig braun und von der Sonne verbrannt ist und nasskalte Winter in denen man bis zu den Knien im Morast
versinkt. Nicht zu vergessen die bürgerkriegsähnlichen Zustände.
Nein, das mediale Bild ist kein schönes. Und bisher gelang es nur wenigen Gegenden ein Image zu transportieren, das dem wohlgenährten Mitteleuropäer gefallen will.
Da wäre z.B. Slowenien: Klare Bäche findet man dort, grüne Almen und süffigen Wein. Oder Kroatien: Pittoreske Städte, blaues Meer, gutes Essen … dolce vita on a shoestring, quasi. Und in naher
Zukunft – Favoriten. Der neue Bahnhof wird ein gläserner Palast und den Bezirk erblühen lassen. Der Rennweg wird das neue Boboville.
Da ist auch noch die Sache mit dem Postkommunismus.
Der Kommunismus als Idee, nämlich der Gleichheit aller – was
konsequenterweise darin mündet, dass allen alles gehört und damit das Private obsolet wird – gibt es quasi seit ewig. Als Marx und Engels sich daran machten diverse Manifeste zu schreiben, um ein
Gegengewicht zur kapitalistischen Geißel zu schaffen, konnten sie auf Jahrhunderte alte Gedankengänge zurückgreifen und sich im Glauben wiegen Gutes zu wollen.
Notwendige Bedingung für die klassenlose Gesellschaft? Die globale Abschaffung des Privateigentums und dessen Überführung in Gemeinbesitz durch die politische
Herrschaft der Arbeiterklasse.
Heute weiß man es: Das alles ist zum scheitern verurteilt wenn man es auf Agrarstaaten anwendet. Womöglich fahrlässig verkürzt: Wie soll eine Arbeiterklasse
herrschen wenn alles Bauern sind?
„Alles gehört allen“ wurde volée zu „Niemandem gehört irgendwas“.
Ende der Achtziger des letzten
Jahrtausends fiel die Utopie dann wie ein Kartenhaus in sich zusammen und bis heute laboriert so manches Land an den Folgen.
Bukarest | 20. – 22.5.2008:
Fläche: 228 qkm
Einwohner: 1.931.838
Meine erster Kontakt mit Rumänien war eine X-Large-Sendung die Anfang der 90er eine geschockte – man möchte sagen kreidebleiche – Arabella Kiesbauer in einer
Kinderpsychiatrie zeigte. Unvorstellbares Leid von Menschen die leben mussten wie es heute nicht mal der Spezies zugemutet wird.
Das Bukarest meiner Phantasie war demnach eher grau und trist. Tatsächlich handelt es sich aber um eine erstaunlich grüne Stadt. Vom
Flughafen kommend fährt man an riesigen, Parks vorbei. Viele Straßen sind von Alleen gesäumt und so manches Haus hat einen üppig bepflanzen Vorgarten.
Im Kontrast dazu stehen zuasphaltierte Plätze die sich bei direkter Sonneneinstrahlung in veritable Todeszonen verwandeln. Denn dort wo keine Pflanzen sprießen wird
man beinahe ohnmächtig ob der Hitze und Abgase. Die Straßen sind selten weniger als vierspurig und werden regiert von König Gaspedal. Zebrastreifen automatisch als Schutzweg zu sehen ist zwar
durchaus im rechtlich abgesicherten Bereich, doch was hilft es einem wenn Ampeln nur ungenügend beachtet werden? Dazu kommt, dass Autos prinzipiell auf den Gehsteigen geparkt werden und einen
Stadtspaziergang oftmals zum Erlebnis gerät. Nennen wir es das Abenteuer-Plus.
Das Fehlen einer Touristeninformation und eines eigentlichen Stadtzentrums macht dem Ortsunkundigen nicht nur Freude: So gibt es zwar den Platz der Revolution und
den Universitätsplatz, charmant sind diese Orte aber nicht … was wohl auch an den autobahnartigen Zuständen liegen mag. Auch ein Wunderding: die Stromversorgung. Kabel spannen sich zu
abertausenden ohne jedes erkennbare System quer über alles, manchmal in greifbarer Höhe.
Als Städtereisender glaubt man zumindest in Europa leichtes Spiel zu haben, sind doch viele Städte ähnlich aufgebaut: Der Bahnhof ist selten die schönste Gegend,
markiert aber oft den Anfang einer Einkaufsstraße die meist zum altstädtischen Kern führt.
Der Bukarester Bahnhof steht relativ abseits und eine Einkaufsstraße als solche gibt es nicht wirklich. Wo sich Geschäfte konzentrieren fährt trotzdem der Verkehr
auf sechs Spuren. Und das mit der Altstadt vergisst man am besten auch gleich wieder.
Dass die Stadt so seltsam zerpflückt und unfertig wirkt liegt sowohl am großen Erdbeben von 1977, als auch daran, dass der letzte große „Visionär“ psychisch
herausgefordert war: Nicolae Ceausescu.
Die jüngste Geschichte Rumäniens ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Der Bauernsohn und Schuhmacher sonnte sich in Autokratischen Verhältnissen und genoss
Landesintern wie auch international lange hohes Ansehen. Zumindest national sorgte dafür die allgegenwärtige Securitate. Zum Paradigmenwechsel kam es, als er 1971 nach China und Nordkorea fuhr
und es toll fand wie sich die dortigen Staatsoberhäupter abfeiern ließen. Fortan nannte er sich „Conducator“ (zu Deutsch: Führer) oder wahlweise „Großer Kommandant“, „Titan der Titanen“,
„glorreiche Eiche aus Scornicesti“ oder – mein Favorit – „Sohn der Sonne“. Inspirierend dürften auch die Reden Hitlers gewesen sein, die er sämtlich, in Leder gebunden, sein Eigen nannte.
Menschsein heißt bekanntlich Wünsche haben. Ausgestattet mit einer gewissen Allmacht und Skrupellosigkeit lassen sich diese gut umsetzen. Anfang der Achtziger ließ
er sich von der Idee verführen einen Palast zu bauen wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: Casa Poporului (Haus des Volkes). Logistisches wie die Frage des „Wohin?“ löste man ganz einfach
durch die Schleifung eines Stadtteils. Die dort lebende Bevölkerung siedelte man in rasch errichtete Wohnblocks im Norden der Stadt um. Obwohl nagelneu ließen diese allerdings grundsätzliches wie
fließend Wasser, Heizung oder Sanitäranlagen vermissen. Natürlich alles Lässlichkeiten angesichts der Freude dem Großen Kommandanten ein adäquates Haus zu bauen zu dürfen. Beeindruckend auch die
universelle Gönnerhaftigkeit des Führers bezüglich des gesetzlich verankerten Arbeitslosigkeitsverbots: durch die verpflichtenden Frondienste entging man diesem und mussten nicht
eingesperrt werden.
Hier die beeindruckenden Zahlen: 700 Architekten schufen unter Anca Petrescu ein 65.000 qm großes Neoklassizistisches Gebäude (in den 80ern wohlgemerkt) mit 5100
Räume (der größte davon 2000 qm) und verkleidete die bis zu 16 Meter hohen Wände mit 1.000.000 Kubikmeter Siebenbürger Marmor. Für die 480 Kronleuchter (illuminiert mit 200.000 Glühbirnen)
wurden 3500 Tonnen Kristall verschlissen. Die Geschichte, dass ein Stiegenaufgang dreimal abgerissen wurde weil dem etwas klein geratenen Titanen die Stufen zu hoch waren, ist hier ebenso nur
eine historische Randnotiz wie der Umstand das sowohl Michael Jackson als auch Bill Clinton anno 1995 vom Balkon des Palastes "Hello Budapest" verkündeten.
Als 1989 die glorreiche Eiche samt seiner nicht minder verrückte Frau Elena erschossen wurde war Casa Poporului noch nicht fertig. Nachdem
die Kosten-/Nutzenrechnung ergab, das es teurer käme die Hütte abzureißen als sie fertig zu stellen und man die Idee wieder verwarf es mit einer Finanzspritze aus Monte Carlo zum größten Casino
der Welt zu machen, widmete man den Bau den Werkzeugen der blutjungen Demokratie: Parlament und Regierung.
All das (außer der Hinrichtung Ceausescus) erfährt man wenn man 4 Euro investiert und an einer Gebäudeführung teilnimmt. Checker-Tipp: Auf der Preisliste im
Eingangsbereich werden für Kameras 8 Euro Aufschlag angegeben. Da dies aber zu keinem Zeitpunkt kontrolliert wird, ist es zwar ehrlich diese Gebühr zu entrichten aber doch eher unnötig.
Die Ausführungen der jungen Dame, die uns immer noch prahlerischere Säle zeigte, erschienen mir seltsam unkritisch. Ceausescu wurde überhaupt nur in dem
Zusammenhang erwähnt, dass er der Auftraggeber war. Die Bilder seines Lieblingsmalers hängen unverändert herum und man hört kein Wort dazu, dass sie formal von eher zweifelhafter Qualität sind
und ausschließlich plumper Propaganda dienten. Auf die Frage ob es auch einen Keller gibt: Ja. Wie viele Stöcke der hat? Zögern … „ungewiss“. Aha.
Trotzdem ein absolutes Highlight. Wo sonst sieht man heute noch gigantomanische Protzbauten? In Nordkorea, richtig. Aber fliegt SkyEurope dort für den Gegenwert
eines Abendessens hin? Nein? Eben.
Auch ein absolutes Muss für den geneigten Touristen ist das „Museum des rumänischen Bauers“ direkt am Kiseleffpark. Auf zwei weitläufigen Etagen erfährt man dort
alles über die Lebensweise von Kleinbauern. Eine Bevölkerungsschicht die es in Europa so kaum mehr gibt. Gerade auch nicht in Rumänien, wo in den 70ern die große „Systematisierung“ gelauncht
wurde. Systematisierung stand für die das „zusammenlegen“ von Dörfern in agrarindustrielle Komplexe. Dem fielen ca. 8000 Ortschaften zum Opfer, weshalb man heute realistischerweise vom großen
Dorfvernichtungsprogramm spricht. Etwas schwer zu finden aber dafür umso toller: Der Souvenir-Shop, randvoll mit allem was man sich so an Staubfängern wünscht.
Folgt man der Kiseleffstraße stadtauswärts, gelangt man zum Bukarester Triumphbogen (Arcul de Triumf). Der kleine Bruder des Pariser „Arc de Triomphe“ wurde 1936
anlässlich der Erlangung der rumänischen Unabhängigkeit, aber doch ganze 58 Jahre nach dieser, eingeweiht.
Natürlich auch sehenswert sind die orthodoxen Kirchen. Dass sich viele Leute bekreuzigen wenn sie an einer vorbeikommen befremdet allerdings
sehr.
Möchte man einen Eindruck erhalten wie Bukarest einst aussah, sollte man das Lipscani-Viertel besuchen. Ziemlich heruntergekommen zwar, aber nicht uncharmant hat es
die wirren der Geschichte, nicht völlig unbeschadet aber doch, überdauert.
Alles andere als gemütlich ist der Hauptbahnhof (Gara de Nord). Vor allem nicht spät abends wenn man auf den Nachtzug wartet und sich fragt
ob die streunenden Hunde nur scheinbar näher kommen.
Fazit: Hinfahren, anschauen.
Belgrad | 23. – 25.5.2008:
Fläche: 360 qkm
Einwohner: 1.596.919
Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben. Serbien gehört – spinnt man diesen Gedanken weiter – eher zu den Verlieren. Der nicht unblutige Zerfall des
einstigen Jugoslawiens, der erst kürzlich wieder mit der Abspaltung des Kosovos einen Schritt weiter ging, forderte Opfer in jeglicher Hinsicht. Heute versucht man die Scherben aufzusammeln und
ein „normales“ Leben führen. Dabei fühlt man sich oft und gerne von Europa und der Welt missverstanden und verhält sich naturgemäß wie ein trotziges Kind.
Ich lasse mal den unfassbar unfreundlichen Grenzbeamten unerwähnt, wünsche ihm aber die
Krätze an den Hals.
Vom dahintuckernden Zug aus sieht man es: Serbien ist grün, grün, grün.
Fährt man dann aber im
Schritttempo nach Belgrad ein und sieht die ärmlichen Barackensiedlungen an den Gleisen, kann man sich zurücklehnen und denken: oha, doch so nah an der Vorstellung.
Verlässt man den Bahnhof und ignoriert den gelegentlichen Skinhead, erwecken die kleinen Verkaufsstände, die Milosevic-Tshirts, Wurfsterne und allerhand
fragwürdiges feilbieten, nicht zwangsläufig Vertrauen. Überhaupt zeigt sich die Stadt am Bahnhof nicht von der schönsten Seite: laut, staubig, heiß und grau. Aber das ist nur die halbe
Geschichte: Denn in der Bahnhofshalle – gleich neben dem Beton-Blumentrog an dem ich mir mein Schienbein blutig stieß – gibt es eine Touristeninformation mit einer überaus freundlichen Dame drin,
die einen mit Engelsgeduld erklärt wie man zur Herberge kommt, wo es Bustickets gibt und wo man die Haltestellen findet. Sie schenkt einem Stadtpläne und Zeit.
Auch dem Franzosen vor mir. Diesen Herrn müsste ich erfinden wenn es ihn nicht gäbe: Er, gehüllt in eine Jogginganzug gewordene Drapeau tricoleure, brüllt auf sie
ein, dass die ganze cité hier merde sei weil nationaliste und überhaupt der ganze Song-Contest ein heuchlerischer Propagandafeldzug Serbiens den er, Einwohner der Grand Nation, freilich
durchschaut hat.
Auch in Belgrad ist es nicht so, dass die Einkaufsstraße am Bahnhof beginnt. Jener Boulevard der sich vom Haupteingang aus in die Stadt schneidet führt eher in die
Gegenrichtung. Allerdings findet man dort, was es so nicht mehr oft zu sehen gibt: zwei völlig zerbombte Häuser. Stehengelassen wie ein Mahnmal, um unbedarften Touristen ein lohnendes Fotomotiv
mit Gänsehautmehrwert zu bieten. Dann geht man am besten nach links (bergauf – mühsam, weil sehr heiß) wo bald die Kralja Milana kreuzt. Diese gepflegte Einkaufsstraße entlang erreicht man die
Fußgängerzone Knez Mihailova. Hier schaut alles so aus wie man es von Zuhause gewohnt ist: Die Läden, die Leute, die Cafés, die Preise der internationalen Marken. Die liegen in etwa auf
heimischem Niveau, und sind Eingedenk der viel niedrigeren Löhne für die Belgrader wohl eher Luxus.
Dass man sich nicht in München befindet, erkennt man daran, dass Männer auf kleinen Tischchen die aktuellsten Kinofilme auf DVD anbieten, oder, dass mitten in der
Fußgängerzone aus einem Käfig heraus Welpen verkauft werden. Geht man daran vorbei (und das sollte man) kommt man zur Kalemegdan. Diese Überreste einer alten Festung liegen genau dort wo die Save
in die Donau fließt und man hat einen wunderschönen Blick über scheinbar endlose Wälder. Kalemegdan ist neben Novi Beograd das Lieblingsnaherholungsgebiet der Hauptstädter. Man kann sich ein Eis
kaufen, seine Ikonensammlung aufstocken oder eine 5.000.000.000 Dinar Banknote erwerben. Bei den Einheimischen ziemlich Pop: die Kriegsgeräte die den Weg zum Militärmuseum säumen. Junge Pärchen
lassen sich vor Panzern fotografieren, Kinder turnen auf Kanonen herum, Alte picknicken in Schatten der FLAK.
Das nur einen Steinwurf entfernt liegende Museum für angewandte Kunst muss man nicht
gesehen haben.
Ganz im Gegensatz zum Tito Mausoleum.
Josip Broz Tito führte im Zweiten Weltkrieg die
kommunistischen Partisanen im Kampf gegen die deutschen und italienischen Besatzer und ließ sich dann via Volksbefragung zum Staatsoberhaupt küren (später dann noch mal mit Wahlen) und blieb’s
bis zum Ableben. Er regierte Jugoslawien von der Sovietunion unbeeinflusst und hatte gute Beziehungen zum Westen. Was ihn nicht daran hinderte brutale Repressionen nach stalinistischem Vorbild
einzusetzen (Massaker von Bleiburg, Vertreibung der Donauschwaben etc.). Außerdem war er ein Hallodri mit zig unehelichen Kindern, diversen geplatzten Hochzeiten und ganz nebenbei das was man
sich unter trinkfest vorstellt.
Ich weiß, die moralische Basis mit der es sich rechtfertigen lässt, Diktatorengräber der Schaulust willen zu besuchen, ist sehr brüchig. Auch mein Reiseführer
bezeichnet das „Haus der Blumen“, wie die Grabstätte noch genannt wird, als „eher untouristisch“ da schließlich „nicht jedermanns Sache“. Mit ein Grund ist die örtliche Situation: zwar idyllisch
im Südteil der Stadt gelegen aber halt etwas ab vom Schuss … Im Prinzip also neben meiner Jugendherberge. Darum dachte ich mir: Scheiß drauf, das ist mein Sonntagsausflugsziel.
Als ich ankam war von „eher untouristisch“ allerdings nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Leute wurden mit Reisebussen herangekarrt. Ältere Herren schwangen rote
Fahnen, Hammer und Sichel zeigten ihr goldenes Lächeln und Partisanenlieder erklangen gar süß. Wie ich erkennen sollte, war Titos Geburtstag Anlass zum Feiern. Freier Eintritt,
Kranzniederlegungen und nasse Augen inklusive.
Im ersten Gebäude wurde eine Kollektion bedeutender Silbergeschenke aus aller Herren Länder ausgestellt – Österreich ist z.B. mit einem Bierkrug vertreten. In einem
schlauchartigen Bau links dahinter befindet sich die Dauerausstellung mit all den anderen Präsenten. Höhepunkt und zentrales Stück: das Kostüm eines bolivianischen Schamanen inklusive
Maske.
Alles in allem hat mich Belgrad sehr überrascht. Vielfach im positiven Sinne. Dass die Kirche auch hier einen hohen Stellenwert genießt mag mir persönlich sauer
aufstoßen, lässt sich aber ebenso wie in Rumänien geschichtlich begründen. Die Aufarbeitung der allerjüngsten Vergangenheit wird wohl noch viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen und vielfach
nicht immer einfach sein. Andere Länder haben bis zu 60 Jahre gebraucht und sind noch immer nicht ganz durch.
Es bleibt also abzuwarten ob die – anlässlich des Song-Contests möglicherweise plakativer – zur Schau gestellte Normalität in alle Bereiche durchsickert. Es sei den
Serben, die mir gegenüber äußerst freundlich waren, wohl vergönnt.
Fazit: Hinfahren, anschauen.
Sofia | 26. – 29.5.2008
Fläche: 1.039 qkm
Einwohner: 1.237.891
Bulgarien hat’s nicht leicht. Permanent mit Rumänien verwechselt glänzt der Durchschnittseuropäer meist mit gefährlichem Halbwissen. Sofia scheint nicht mal auf den
Wetterkarten auf. Es ist, als ob es das Land der nickenden Verneinung nicht gäbe. Der aufstrebende Schwarzmeerküstentourismus, der bemüht ist die von Griechenland gemachten Fehler zu vermeiden,
ändert das zwar, das Landesinnere bleibt dennoch unbekannt.
Aber allein der Name: „Sofia“.
Das ist wie „Tel Aviv“ oder „Tripolis“: geheimnisvoll und exotisch.
Erkundigt man sich näher, hat diese Exotik allerdings nichts mit Nektar trinkenden Vögeln zu tun. Aus der Systemumstellung Kommunismus/Kapitalismus ist auch
Bulgarien nicht nur siegreich hervorgegangen und so manche Altlast harrt noch auf Beseitigung. Der EU Beitritt hat da wohl einiges besser gemacht, manches aber auch nicht: So sind die Mieten,
anders als die Löhne, mittlerweile auf Mitteleuropäischem Niveau und die steigenden Lebensmittelpreise machen viele Dinge zu Luxusgütern. Bizarrerie am Rande: Bis vor ca. 10 Jahren wurden
Sofioter Heizungen von der Stadt reguliert. Regulieren heißt ein- und ausschalten. Die Mieter hatten kaum Einfluss drauf.
Wollte oder konnte man sich die vorgegebenen Heizperioden nicht leisten mussten die Heizkörper abmontiert werden. Und das bei Temperaturen
die durchaus unter den Gefrierpunkt fallen können.
Schlendert man so durch die Straßen und Gassen und betrachtet die Häuser, merkt man: ja, hier fehlt es an Geld. Auf der Skala Belgrad (sauber, „westlich“,
Autofahrer ohne Tötungsabsicht) bis Bukarest (das Gegenteil) steht Sofia in der Mitte. Den Verkehr sollte man zwar auch hier im Auge behalten, dafür gibt es einen gepflegten Stadtkern wo man,
wenn man sich 360° dreht, gut 50% der offiziellen Sights fotografieren kann.
Boulevard Vitosa beginnt wieder nicht am Bahnhof (wo ich die grauenhafteste Unterführung meines bisherigen Lebens entdeckte) ist aber verkehrsberuhigt und kann als
Einkaufsstraße mit der Mahü vielleicht nicht ganz mithalten aber doch den Flair der modernen Zeit verströmen. Die Gehsteige? Bukarest-Style.
Das Offizielle Sofia der Pracht- und Repräsentationsbauen hat sich fein gemacht und zeigt sich von seiner besten Seite. Ein Fix für Touristen ist die
Alexander-Newski-Kathedrale. Passende Kleidung ist Pflicht und Fotografieren nicht erlaubt. Wichtig: im Park vor der Kirche ist täglich ein kleiner Flohmarkt wo man allerhand Krempel und
Geschmackloses wie z.B. Nazi-Memorabilia findet. Sehr umfangreich ist die Auswahl an Merchandise der Olympischen Spiele 1936. Natürlich gibt’s auch die allfällige Leninbüste und unausweichlich:
Ikonen. Nicht weit weg davon findet man die St. Nikolaj Kirche. Geweiht der russischen Orthodoxie, wurde sie 1913 erbaut da dem damaligen russischen Konsul die bulgarischen Kirchen nicht würdig
genug schienen.
In der Nähe der beiden Gotteshäuser befindet sich auch die Nationalbibliothek. Davor, die metallenen Kyrill und Methodius, beide heilig. Als Konstantin und Michael
– wie die Brüder bürgerlich hießen – zogen sie durchs Gelände, forcierten die Christianisierung der Slawen und „übersetzten einen Großteil der Bibel sowie liturgische Texte von der hellenischen
in die slawische Sprache.“ (danke Wikipedia). Dazu erdachte Kyrill auch eine neue Schrift: Glagoliza. Nicht erfunden hat er das jetzige kyrillische Alphabet. Das entstand aber auch in Bulgarien
und wurde – Ehrensache – nach ihm benannt.
Zumindest am Papier sehr sehenswert scheint das Russische Kulturzentrum unweit der Nationalbibliothek. Dort angekommen gibt es aber nicht
viel zu sehen und noch weniger zu fotografieren. Einzig vom beinahe lebensgroße Model des Vostok-3 Satelliten sind Fotos erlaubt. Ein sauunfreundlicher Security-Typ stellt das wild gestikulierend
klar. Schade eigentlich. Der heruntergekommene Charme von ehemalig groß gewesenem hat durchaus seinen Reiz.
Sofia war auch vor 1989 nicht die wichtigste Stadt hinter dem Eisernen Vorhang. So gab es zwar ein imposantes Lenindenkmal und – um nicht mit leeren Händen
dazustehen – baute man sich auch ein unverhältnismäßig großes „Haus der Partei“, ansonsten konnte sich die Stadt ihren kleinstädtischen Charme weitestgehend bewahren. Die im wahrsten Sinne große
Ausnahme bildet der Kulturpalast (Naroden Dvorets na Kulturata, kurz NDK). Fertig gestellt 1981 anlässlich des 1300 jährigen bestehen Bulgariens ist er wenig mehr als ein riesiger Klotz. Daran
ändert auch der Witoschaberg im Hintergrund und die zum Teil preisgekrönten Hallen im Inneren nichts. Wer aber – so wie ich – auf möchtegernfuturistischen Ost-schick steht, dem werden die Augen
übergehen: Teppichmeere, meterhohe Plastiklüster, Deckenverkleidungen, dunkle Holzvertäfelungen, sozialistische Reliefs und Fresken ohne Ende … unglaublich. Unglaublich auch, dass trotz der
meterhohen Fenster die Lichtverhältnisse absolut zu wünschen übrig lassen. Im Keller findet man neben diversen Kleinstläden die nur wenig Begehrenswertes anbieten, mit dem Café Toscana ein Lokal
das wahrlich einer Ulrich-Seidl-Filmkulisse würdig ist.
Die Parkanlage vorm NDK ist Tummelplatz der Hauptstädter und beherbergt die riesengroße Plastik „1300 Jahre Bulgarien“. Zu sehen nur mit Sicherheitsabstand, da sie
beträchtliche Verfallserscheinungen aufweist und angeblich nur mehr deshalb steht, weil niemand den Abriss zahlen will.
Als Fan von Jugendherbergen hatte ich in Sofia das besondere Vergnügen in einer umgebauten Wohnung zu nächtigen, die auch an Studentinnen, portugiesische
Gastarbeiter bzw. temporär obdachlos Gewordene vermietet wurde. Allesamt interessante Leute. Die eine mit Faible für Sternzeichen die andere großer Slayer-Fan. Mein Eindruck, dass Religion hier
keine so große Rolle spielt wie in den zwei Städten davor wurde mir von ihnen bestätigt. Vor allem mit den Rumänen will man diesbezüglich nicht in einen Topf geworfen werden. Misstönend
allerdings: „Zigeuner“ sind das allerletzte und noch unbeliebter als Türken.
Die 500 jährige Osmanische Herrschaft nicht verzeihen könnend hat man mit den Südlichen Nachbarn nicht das allerbeste Verhältnis (ein Zustand der sich bei
Anrainerländern quer durch die Welt beobachten lässt). Und das nicht nur auf ziviler Ebene. Rettete man noch in den 40ern des letzten Jahrhunderts durch Nichtauslieferung an die Deutschen die
jüdische Bevölkerung vor dem Verderben, war man später den Türken gegenüber weit weniger wohl gesonnen und zwang sie zur Bulgarisierung. Namen wurde geändert, das öffentliche türkisch sprechen
verboten. Jene die sich dem nicht beugen wollten, hatten die Pflicht zu gehen. Für sie (und nur für sie) standen die Grenzen offen.
Wie so oft auf der Welt neigt auch Pavel Normalbulgare nicht zum differenzieren und schert Türken, Pomaken und Roma über einen Kamm. Innerhalb der Minderheiten
sieht man das freilich anders, ist sich aber einig: ziganisch lebende Menschen sind nur wenig mehr wert als der Schmutz am Boden. Die bekannten Vorurteile: Stehlen, betteln, arbeitsscheu aber vom
Staat Geld kassieren
Man könnte jetzt die Nase rümpfen, mit dem Finger auf die Leute zeigen und sagen: alles Rassisten. Ein nachvollziehbarer aber billiger Reflex. Es ist ja nicht so,
dass Sinti und Roma in anderen Ländern einen viel höheren Status genießen. Schon durch den Beitritt Ungarns und der Slowakei hat sich die dortige Roma-Frage mittlerweile zur – noch
unbeantworteten – EU-Frage gewandelt. Denn es darf bezweifelt werden, dass es mit finanzieller Förderung alleine getan ist.
Der „grenzenlose“ Schengenraum kommt nomadischen Lebensweisen zwar entgegen, die auf beiden Seiten seit Generationen kultivierten Vorurteile und das nicht immer
kluge Verharren in Traditionen sorgen weiterhin für tiefe Klüfte, die nur selten überwunden werden. Ein Dilemma das sich wohl noch einige Jahre ziehen wird und wie so viele Dinge keine Frage der
Zeit sondern eine Frage der Generationen ist.
Fazit auch hier: Hinfahren, anschauen.
Epilog
Wäre ich abends nicht immer so fertig gewesen hätte ich nach Einbruch der Dunkelheit wohl die Bukarester Straßenkinder gesehen, ihnen aber nichts anbieten können.
Hätte ich die Zoos besucht wäre ich wohl in Tränen ausgebrochen, den Tieren geholfen hätte ich damit aber nicht.
So gesehen war ich ein feiger Tourist ohne ehernes Ziel.
Ein Städtereisender auf der Suche nach dem Unbekannten.