Tuesday, 22. september 2009 2 22 /09 /Sept. /2009 13:10

 

 

Neill Blomkamp hat sich viel angeschaut und gelernt. Ist ihm doch mit District 9 einer der eindrucksvollsten Sci-Fi Filme dieser Dekade gelungen. In ein paar Jahren wird man wohl von einem Klassiker sprechen. 

District 9 ist für das Genre vielleicht das, was "Pans Labyrinth" für Fantasy war und "28 Days Later" für den Horrorfilm und vielleicht das,  was "Sunshine" leider nicht gewesen war und "Children Of Men" – völlig zu Unrecht – leider nicht wurde.


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Die Handlung ist kurz gefasst diese: Ein kleiner Beamter namens Wikus Van De Merwe kommt durch Vitamin B in die leitende Position beim Umsiedeln der "Prawns" genannten Ausserirdischen durch das private Unternehmen MNU.  Diese sollen in ein Internierungslager etliche Kilometer ausserhalb Joburgs gesteckt werden da sich das Klima zwischen Insektoiden und Humanoiden über die Jahre verschlechtert hat und es immer öfter zu Ausschreitungen kommt. Beim Zustellen der zu unterschreibenden Umsiedelungsverträge (Human Rights Watch erledigt ihre Aufgabe auch in District 9 und ist bei der MNU dementsprechend beliebt) findet Van De Merwe  in einer von Alien-Vater und -Sohn bewohnten Baracke einen kleinen Zylinder und infiziert sich mit einer Flüssigkeit bei der es sich, wie sich heraustellen wird, um Treibstoff handelt. Bald muss er feststellen, dass sich sein Körper verwandelt und er langsam aber augenscheinlich zum "Prawn" mutiert. 

Dies macht ihn für die verschiedensten Parteien sehr interessant: 

Für die Rüstungsfirmen dieser Welt, da er in der Lage ist die überlegene Technik der Aliens zu nutzen. 

Für die Nigerianer – die dank Katzenfutterdeals zu einem ansehnlichen Arsenal an extraterristischer Waffen gelangt sind – aus genau den selben Gründen, allerdings auf einem völlig anderen Niveau. 

Und für die Außerirdischen, da Wikus weiß wo sich eben jenes Behältnis befindet mit dem seine Verwandlung begann. Schließlich ist es der letzte Möglichkeit ins Mutterschiff zu gelangen und die Erdatmosphäre zu verlassen. 

Da er körperlich immer mehr verfällt lässt er sich ins Krankenhaus einliefern und wird von dort in ein Labor verfrachtet wo er als genetischer Selbstbedienungsladen der MNU zur Verfügung stehen soll. Er kann fliehen und verschanzt sich in District 9.


Herr Blomkamp macht es einem klugerweise nicht einfach: Der Hauptdarsteller ist weder mit einem all zu großem Geist gesegnet noch sonderlich sympatisch. Die Aliens sind alles andere als eine Augenweide und haben durch das völlige Fehlen sozialer Kompetenz so manche Eigenschaft die es nachvollziehbar macht warum sie in ein Slum gepfercht leben. Das einzige das für sie spricht, ist, dass sie die Erde nicht vor Jahrzehnten überrannt haben. Die Waffentechnologische Niveau würde dies ohne weiteres möglich machen. 

Auch in District 9 leben "die Nigerianer". Hier kann man theoretisch eine Diskussion darüber entfachen, dass diese Bevölkerungsgruppe sehr negativ dargestellt wird. Andererseits: die Afrikaaner kommen keine Laus besser davon. Ausserdem ergibt es durchaus Sinn wenn man bedenkt, dass das Raumschiff 1981 über Johannesburg zum stehen kam. Zu jener Zeit war die Apartheid noch im vollen Gang und es fügt sich ins Historische dass sich Outcasts zu einander gesellen und sei's weil ein gemeinsamer Feind (die Südafrikanische Regierung) eint. 


Geschickt webt der Regisseur altbekannte Systematiken in die Handlung ein: So erhalten die Aliens menschliche Namen und müssen Verträge unterschreiben die die meisten nicht lesen können. Derartiges kennt man aus sehr sehr düsteren Zeiten/Weltgegenden. Der Alien-Hauptdarsteller namens "Christopher" ist Vater (?) eines kleinen Alien-Kindes und, wie es scheint, Wissenschaftler. Dies ist freilich dramaturgisch nicht ganz dumm, schließlich hat man dadurch so etwas wie eine Identifikationsfigur bei einer Spezies die sehr fremd wirkt. Das könnte man durchaus als gar platt abtun. Denn warum ist ausgerechnet er klüger als die anderen? Gegenfrage: Warum nicht? Es sind schließlich auch nicht alle Menschen Akademiker. Vor allem ist auch "Christopher" nicht uneigennützig unterwegs. Im Gegenteil. Ihm geht es einzig um sein Wohl und dem seiner Art. Die Bürokratie mit der beim Umsiedeln vorgegangen wird und mit der – so hat es den Anschein – seit Jahrzehnten gewaltet wird, gemahnen an Kafka und das Deutschland der 30er-Jahre. So ist es den Aliens verboten Kinder zu haben und Waffen zu besitzen. 

Tendenziell diskutabel ist der dem Menschen nicht unähnliche Körperbau. Andererseits ist dieser essenziell für die Handlung. Würden die Aliens völlig anders aussehen, könnte van Merve keine ihrer Geräte bedienen und der Film wär keiner da ein beträchtlicher Teil der Handlung ausfallen würde. 

Die Kombination aus verwackelter Handkamera und eingestreuten Interviews sind jetzt vielleicht nicht sensationell neu, keine Frage, katapultieren den Film aber auf ein für das Genre unübliches Level der glaubwürdigkeit in dem auch Cronenbergscher Bodyhorror nicht deplatziert wirkt. Der semi-dokumentarische Stil lässt auch übersehen, dass sich manche logische Löcher auftun. ZB.: Warum sind die Ausserirdischen überhaupt gestrandet? Was ist jetzt anders als vor 28 Jahren das es ihnen ermöglicht fortzufliegen? Vermutlich wird sich dies aber in mehreren Sequels und Prequels und Spin-Offs klären. Hollywood hat da fix schon Lunte gerochen und wer weiß was uns dann erwartet …

Möglichweise jene Happy Ends die uns Blomkamp hier erspart.

 

 

von Herr Rabies - veröffentlicht in: Bewegte Bilder
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